Alte RWE-Trasse bei Darmstadt, Landkreis Darmstadt-Dieburg (alle Fotos in diesem Artikel sind von Markus Palzer)

Ökologischer Ausgleich für Eingriffe in Natur und Landschaft

Ein Gespräch mit Patrick Steinmetz über die Aufgaben und Ziele der Ökoagentur sowie über eine alte Stromtrasse in Südhessen

Die Renaturierung von Bächen, Flüssen und Auenlandschaften, der Erhalt von Streuobstwiesen durch Rinder, die den konkurrierenden Bewuchs von Gräsern, Büschen und Bäumen kahlfressen, und alte Stromtrassen, die sich zu Ökotrassen wandeln – das sind Resultate der Arbeit der Ökoagentur für Hessen. Seit mittlerweile vierzehn Jahren ist die Hessische Landgesellschaft mbH (HLG) die vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUKLV) anerkannte Agentur zur Bereitstellung und Vermittlung von Ersatzmaßnahmen, kurz „Ökoagentur“ genannt. Die Grundlage für die Anerkennung der HLG als Ökoagentur bilden die Hessische Kompensationsverordnung und das Hessische Ausführungsgesetz zum Bundesnaturschutzgesetz. Wer in Natur und Landschaft eingreift, muss diese Eingriffe wieder ausgleichen – das ist ein Grundprinzip des Deutschen Naturschutzrechts. Als Hessens Ökoagentur nimmt sich die HLG mit einem umfassenden Dienstleistungsangebot dieses wichtigen Themas an.

Ausgleich durch „Ökopunkte“

Wenn irgendwo in Hessen zum Beispiel eine neue Straße und Bahnlinie gebaut wird, oder ein Wohn- und Gewerbegebiet entsteht, ist dafür ein Ausgleich vorgeschrieben, indem ökologisch wertvolle Flächen geschaffen werden, erklärt Patrick Steinmetz, Leiter der Ökoagentur. Der Träger eines Vorhabens, kann diesen Ausgleich selber herstellen, oder aber er kann sich Biotopwertpunkte („Ökopunkte“) kaufen. „Ökopunkte“, eine Art „Naturschutzwährung“, gibt es zum Beispiel für die Renaturierung einer Auenlandschaft ebenso wie für die Schaffung anderer neuer Lebensräume. Allein oder mit Partner setzt die Ökoagentur Naturschutzmaßnahmen um, und erhält dafür Ökopunkte von der unteren Naturschutzbehörde beim Landkreis oder der kreisfreien Stadt. Ein Punkt hat nach Steinmetz Angaben im Durchschnitt einen Wert von 40 Cent. Ein Quadratmeter Ackerfläche hat einen Wert von etwa 16 Ökopunkten in der Naturschutzwährung und ein extensiv genutztes Grünland kann einen ein Wert von über 50 Ökopunkten je Quadratmeter erreichen. „Die Differenz zwischen diesen Nutzungstypen ergibt den gut zu schreibenden Punktwert“, sagt Steinmetz.

Nachhaltige Sicherung der Funktionsfähigkeit von Kompensationsmaßnahmen

Die Ökoagentur schafft aber nicht nur Ökopunkte. Sie ist als eine Einrichtung des Landes zudem in der Lage, einen Investor von der Verpflichtung, naturschutzrechtlichen Ausgleich und Ersatz zu leisten, freizustellen. Wenn der Investor oder Vorhabenträger Ökopunkte von der Ökoagentur kauft, kann er sogleich mit seiner Investition beginnen, während die Ökoagentur mit ihrer "Freistellungserklärung" dafür garantiert - und haftet -, dass die Ausgleichsfläche tatsächlich geschaffen und für einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren verwaltet und gepflegt wird. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal der Ökoagentur.

Hoher Bedarf an Ausgleichsflächen

Mittlerweile betreut die Ökoagentur mehr als 25 Arten- und Naturschutzmaßnahmen in ganz Hessen. Aus diesen Projekten sind seit 2006 mehr als 40 Millionen Biotopwertpunkte auf Ökokonten gebucht worden. Ihre Kunden sind die Fraport, die Deutsche Bahn, die amerikanischen Streitkräfte, zahlreiche Windparkbetreiber, die Eigentümer öffentlicher Straßen, Kommunen und Landwirte, die Höfe und Stallungen bauen. Der Bedarf an Ausgleichsflächen wächst, weil es Hessen gut geht. „Wir akquirieren zurzeit landesweit, um sinnvolle Kompensationsprojekte zu erschließen. Und wir suchen auch in Zukunft Flächen, die sich für den Naturschutz aber auch die Neuanlage von Wald eignen. Die Nachfrage nach Ausgleichsflächen und Ökopunkten besteht überall dort, wo die Wirtschaft in Verdichtungsräumen wächst, wo Menschen wohnen wollen, und wo Verkehrswege nötig sind.“

"Die alte RWE-Trasse wir zum Pilotprojekt für Kommendes"

Eines der möglichen großen Vorhaben der Ökoagentur in den kommenden Jahren könnte der Wandel der sogenannten RWE-Trasse westlich von Darmstadt zu einer Ökotrasse sein. Dieses Naturschutz- und Pilotprojekt dient als Kompensationsmaßnahme für den geplanten Neubau der ICE-Strecke Frankfurt–Mannheim und dem parallel laufenden sechsspurigen Ausbau der A 67. Es gilt als Pilotprojekt, da hier vorlaufend Maßnahmen zur Sicherung der Kohärenz zwischen dem Schutzgebietsnetz Natura 2000 und dem Artenschutz umgesetzt werden. In einem Kurz-Interview gibt Patrick Steinmetz einen Ausblick auf die Fauna und Flora, die einmal auf der Trasse leben könnte:

Herr Steinmetz, was verbirgt sich hinter dem Stichwort „RWE-Trasse“?

Man denkt an Stromleitungen und Energieversorger bei dem Stichwort, und eigentlich stimmt das auch. Hier lief bis in die 1970’er Jahre eine tief hängende Überlandleitung über den Wald. Das Risiko des Lichtbogenübertritts bedingte die Freihaltung der Trasse von höherem Bewuchs unter der Hochspannungsleitung, so entstand die sogenannte RWE-Trasse. Dann wurden neue, höhere, waldüberspannende Masten gestellt, und es war nicht mehr nötig, die Trasse frei zu halten. Sie wurde sich selbst überlassen.

Was macht die Trasse ökologisch so wertvoll?

Wenn in der sandigen Region westlich von Darmstadt durch regelmäßige Mahd eine Trasse freigehalten wird, stellt sich dort über kurz oder lang ein Sandmagerrasen ein. Denn eine offen gehaltene Fläche auf magerem Kalksand, die nicht landwirtschaftlich genutzt wird, ist ein perfekter Unterboden für einige Spezialisten aus Fauna und Flora, die auf dem kalkhaltigen, nährstoffarmen Flugsand aus der Nacheiszeit ideale Lebensbedingungen vorfinden. Die Trasse hatte sich faktisch auf einer Fläche von etwa 10 Hektar zu einem Naturschutzgebiet von außergewöhnlicher Qualität entwickelt, das in den frühen 2000er Jahren in den Rang eines FFH-Gebiets erhoben wurde, auf dem zum Beispiel eines der größten Vorkommen des wilden Leins bundesweit zu finden ist. Es gibt eine Verpflichtung, solche Gebiete so zu pflegen und zu hegen, dass dort keine Verschlechterung der ökologischen Qualität durch die Sukzession, die allmähliche Verwaldung, eintritt. Diese Pflege ist aufwändig und eine Verpflichtung des Landes Hessen. Sie erfordert finanzielle Mittel sowie behutsame Eingriffe und eine Landwirtschaft mit Tieren, die die Flächen freihalten. Die HLG kooperiert hier mit Land, um das wertvolle FFH-Gebiet mit ihrer Expertise zu entwickeln und zu erhalten. Wir beweiden die Flächen und steuern manuell nach. Im Kampf gegen die Sukzession ist die Beweidung mit Schafen und Eseln das richtige Mittel.

Welche Fauna und Flora wird auf der Trasse einmal leben?

Auf warmen, trockenen und sandigen Flächen leben viele, auf Sandflächen und offene Böden spezialisierte Insekten. Sozusagen gegen den Trend – also gegen das Insektensterben - fördern wir hier die Insektenvielfalt. Auch viele seltene Pflanzenarten, die mit Trockenheit, Wärme und mageren Böden gut zurechtkommen und auf hochgedüngten landwirtschaftlichen Flächen nicht überleben können, sind hier zu finden. Die ganze Vegetationsperiode über gibt es einen schönen Blühaspekt. Nutznießer sind zum Beispiel viele Vogelarten die zum Fressen auf die RWE-Trasse kommen. Grün- und Grauspecht bedienen sich an den Ameisenvorkommen, Wiedehopf und Wendehals könnten in den nächsten Jahren folgen. Auf benachbarten Magerrasen findet sich schon heute die seltene Heidelerche, vielleicht findet sie ihren Weg auch auf die RWE-Trasse.
 

Dieses Gespräch wurde geführt von Claus Peter Müller von der Grün, Kassel


Name: Patrick Steinmetz
In der HLG seit: 01.03.2001
Funktion: Stellvertretender Fachbereichsleiter
Fachbereich: F2 – Landwirtschaft und Naturschutz
E-Mail: patrick.steinmetz@hlg.org